Fotografie
Offroad

2026 Kaukasus Express

Kaukasus – Eine Reise, die anders kam als geplant

Wenn ich heute an diese Reise denke, denke ich nicht zuerst an Kilometer, Länder oder Sehenswürdigkeiten.

Ich denke an Staub.

An schmale Bergpisten, bei denen ich manchmal lieber nicht aus dem Seitenfenster geschaut hätte. An Nächte irgendwo im Nirgendwo. An wunderschöne Landschaften, Begegnungen mit Menschen, die uns berührt haben, und an andere, auf die wir gut hätten verzichten können.

Ich denke an Grenzübergänge, die uns fast zur Verzweiflung brachten. An ein verlorenes Kontrollschild. An ein Schaf, das leider zur falschen Zeit am falschen Ort war. An türkische Polizisten, einen selbst gebastelten Schweizer Nummernschildersatz und an die Erkenntnis, dass Pläne unterwegs manchmal vor allem dazu da sind, geändert zu werden.

Ich denke aber auch an Bienenfresser, Greifvögel und Wiedehopfe, an Blumenwiesen und karge Berge, an einen sternenklaren Himmel und meine Milchstrasse. An den Vansee, Nemrut Dağı und Kappadokien. An einen Morgen, an dem ich verschlafen, verwuschelt und im Pyjama vor unserem Dachzelt stand und über mir unzählige Heissluftballone in den Himmel stiegen.

Und natürlich denke ich an Rolf.

An uns beide und unseren Ford Ranger. An unzählige Kilometer, gemeinsames Lachen, kleine und grössere Abenteuer und an die vielen Male, bei denen Rolf wahrscheinlich schon wusste, was gleich kommen würde:

„Halt mal kurz. Ich möchte nur ganz schnell ein Foto machen.“

Und dann war da noch Thorsten mit seinem Toyota Hilux.

Thorsten hatten wir 2024 auf der Canning Stock Route in Australien kennengelernt. Aus dieser Begegnung entstand eine Freundschaft und inzwischen waren wir wieder gemeinsam unterwegs.

Wobei Thorsten auf unseren Reisen nicht immer Thorsten heisst.

Da gibt es nämlich noch Jens.

Jens existiert eigentlich gar nicht. Seinen Namen verdankt er einem Mitreisenden in Australien, der sich den Namen Thorsten partout nicht merken konnte und ihn immer wieder Jens nannte. Seitdem reist Jens irgendwie mit.

Und wenn unterwegs etwas passiert, für das gerade niemand verantwortlich sein möchte, ist die Sache meistens schnell geklärt:

Jens war’s.

Eigentlich sollte diese Reise ganz anders verlaufen. Wir waren mit einer organisierten 4×4-Tour in den Kaukasus gestartet. Doch irgendwann entschieden wir, unseren eigenen Weg zu gehen.

Und genau ab diesem Moment wurde aus einer geplanten Reise unsere Reise.

Mit zwei Fahrzeugen, drei Freunden, einem imaginären Jens und ziemlich wenig Ahnung davon, was uns am nächsten Tag erwarten würde.

Vielleicht war genau das das Beste daran.

Von der Schweiz in den Kaukasus

Unsere Reise begann in St. Moritz. Von dort machten wir uns auf den Weg Richtung Süden und trafen unterwegs Thorsten mit seinem Toyota Hilux. Ab jetzt waren wir zu dritt und mit zwei Fahrzeugen unterwegs.

Unser erstes grosses Ziel war Ancona. Dort ging es auf die Fähre nach Igoumenitsa und damit begann für uns endgültig das Gefühl: Jetzt sind wir unterwegs.

Von Igoumenitsa fuhren wir quer durch Griechenland nach Thessaloniki. Dort legten wir einen ersten familiären Zwischenstopp bei Rolfs Tante Frida und ihrer Tochter Helena ein.

Noch einmal gemütlich zusammensitzen, gut essen und ein bisschen durchschnaufen, bevor es weiter Richtung Osten ging.

Denn das eigentliche Abenteuer lag noch vor uns.

Von Thessaloniki führte unsere Route weiter durch Griechenland und über die Grenze in die Türkei. Kilometer um Kilometer arbeiteten wir uns Richtung Osten vor, bis wir schliesslich den vereinbarten Treffpunkt mit Asmir, dem Tourguide von Travellertrio erreichten.

Ab hier waren wir Teil einer organisierten Reisegruppe.

Unser gemeinsames Ziel war der Kaukasus.

Die ersten Pisten

Schon in der Türkei verliessen wir immer wieder die normalen Strassen.

Am 22. August waren wir in der Gegend von Aşağı Yongalı unterwegs. Die Landschaft wurde karger, die Berge mächtiger und aus Asphalt wurden Pisten.

Und genau hier begann wieder unser übliches Spiel:

Rolf fährt.

Carmen sieht ein Motiv.

„Halt mal kurz.“

Ich weiss nicht, wie oft Rolf diesen Satz auf dieser Reise noch hören sollte. Vermutlich öfter, als ihm lieb war. 🤣

Aber für mich begann hier genau das, worauf ich mich gefreut hatte. Diese Weite. Die Berge. Staubige Pisten, auf denen weit und breit kein anderes Fahrzeug zu sehen war. Landschaften, bei denen ich am liebsten alle paar hundert Meter ausgestiegen wäre.

Mit meiner Kamera natürlich.

Nur ganz schnell ein Foto.

Willkommen in Georgien

Am 23. August erreichten wir bei Batumi die georgische Grenze.

Ich könnte jetzt schreiben:

„Wir überquerten die türkisch-georgische Grenze.“

Das wäre zwar korrekt, würde aber ungefähr 95 Prozent der Geschichte unterschlagen.

Dieser Grenzübertritt war ein einziges Affentheater.

Lange Wartezeiten, Geschrei, Diskussionen und ein Ablauf, der auf uns völlig unorganisiert wirkte. Dazu Beamte, die uns sehr deutlich spüren liessen, wer hier das Sagen hatte.

Wir fühlten uns zeitweise eher wie Schwerverbrecher als wie drei harmlose Reisende mit zwei Geländewagen.

Irgendwann hatten wir es dann tatsächlich geschafft.

Wir waren in Georgien.

Und als wir am Abend unseren ersten Nachtplatz an einem Stausee erreichten, hätte der Gegensatz kaum grösser sein können.

Plötzlich war da nur noch Ruhe.

Grüne Wiesen, bewaldete Berge, tief hängende Wolken und unsere Fahrzeuge mitten in dieser Landschaft.

Dächer auf.

Lager einrichten.

Ankommen.

Nach dem Theater an der Grenze tat diese Stille richtig gut.

Weiter Richtung Kaukasus

In den folgenden Tagen führte uns die Reise immer tiefer nach Georgien hinein.

Am 27. August übernachteten wir am Tbilisi Lake. Wieder einer dieser Plätze, an denen am Abend einfach die Fahrzeuge abgestellt wurden und für ein paar Stunden Ruhe einkehrte.

Doch die sollte nicht lange anhalten.

Denn vor uns lag einer der Abschnitte, auf den ich gleichzeitig gespannt war und vor dem ich gehörigen Respekt hatte:

Der Abano Pass – spätestens jetzt waren wir im Kaukasus

Dann kam der Abano Pass.

Eine dieser Strassen, von denen man vorher Bilder sieht und denkt: Das sieht ziemlich verrückt aus.

Und dann steht man selbst davor.

Die Strecke über den Abano Pass nach Tuschetien gilt als eine der gefährlichsten Strassen Georgiens und wird immer wieder zu den gefährlichsten Bergstrassen der Welt gezählt.

Schmal, unbefestigt und teilweise direkt am Abgrund schlängelt sich die Piste durch die Berge. Leitplanken sucht man über weite Strecken vergeblich. Auf der einen Seite ragt der Berg steil nach oben, auf der anderen geht es ziemlich beeindruckend nach unten.

Sehr weit nach unten.

Beim Hochfahren hatten wir allerdings grosses Glück.

Das Wetter war prächtig und die Aussicht fantastisch.

Der Himmel war klar, die Berge lagen vor uns und mit jeder Kurve öffnete sich wieder ein neuer Blick in diese gewaltige Landschaft.

Und Kurven gab es reichlich.

Rolf fuhr.

Ich schaute.

Und fotografierte.

Und schaute wieder nach unten.

Vielleicht hätte ich Letzteres besser bleiben lassen. 😬

Manchmal war die Piste gerade breit genug für ein Fahrzeug. Kam Gegenverkehr, wurde es interessant. Irgendjemand musste zurück, ausweichen oder sich an einer etwas breiteren Stelle vorbeiquetschen.

Aber bei diesem Wetter war die Fahrt vor allem eines:

unglaublich schön.

Genau wegen solcher Landschaften waren wir in den Kaukasus gekommen.

Oben verbrachten wir drei Nächte.

Drei Nächte mitten in dieser wilden Bergwelt, weit weg von unserem normalen Alltag.

Doch irgendwann mussten wir wieder hinunter.

Und der Abano Pass zeigte uns auf der Rückfahrt ein völlig anderes Gesicht.

Dieselbe Strasse. Ein völlig anderes Gefühl.

Bei der Auffahrt hatten wir Sonne und eine fantastische Fernsicht gehabt.

Bei der Rückfahrt regnete es.

Aus der trockenen Piste wurde eine nasse Bergstrasse und plötzlich fühlten sich dieselben schmalen Stellen, Kurven und Abgründe noch einmal ganz anders an.

Wir fuhren vorsichtig bergab.

Und dann passierte es.

Auf der Strasse befand sich eine Schafherde.

Thorsten fuhr mit seinem Hilux durch die Tiere, als eines der Schafe plötzlich mit seinen Hörnern in die Felge des Hilux geriet.

Es überschlug sich.

Und geriet unter das Hinterrad.

Tot.

Ein Moment, bei dem uns das Lachen erst einmal verging.

Der Hirte kam und natürlich musste geklärt werden, was nun passiert.

Dann begannen die Verhandlungen.

Zuerst hiess es:

100 Euro.

Okay.

Dann waren es plötzlich 120 Euro.

Auch okay.

Wir bezahlten.

Und dann gab es eigentlich nur noch einen vernünftigen Gedanken:

Nichts wie weg hier, bevor aus dem 120-Euro-Schaf plötzlich ein 300-Euro-Schaf wird. 😬🤣

So leid uns das Tier tat, ändern konnten wir es nicht mehr.

Und irgendwann, als wir wieder unterwegs waren, tauchte natürlich auch die entscheidende Frage auf:

Wer war schuld?

Thorsten?

Nein.

Unmöglich.

Jens war’s.

Damit war der Fall für uns geklärt. 🤣

Unten angekommen – und dann war für uns Schluss

Nach Regen, Abgründen, unzähligen Kurven und der Geschichte mit dem Schaf erreichten wir schliesslich wieder sicher das Tal.

Doch unsere Entscheidung, wie es weitergehen sollte, hatte sich nicht erst an diesem Tag angebahnt.

Schon während der vergangenen Tage hatten Rolf, Thorsten und ich zunehmend das Gefühl, dass die Reise anders organisiert war, als wir es erwartet hatten. Für uns fehlte es an Vorbereitung, an klaren Informationen und an einem nachvollziehbaren Plan für die nächsten Etappen.

Immer wieder wussten wir nicht so recht, was als Nächstes vorgesehen war oder welche Möglichkeiten wir überhaupt hatten.

Nach der Rückkehr vom Abano Pass erklärte uns Asmir schliesslich verschiedene Varianten für die Weiterreise.

Wir hörten uns die Möglichkeiten an.

Und bei keiner hatten wir das Gefühl: Ja, genau so möchten wir weiterreisen.

Dazu kam Armenien.

Armenien war ursprünglich Bestandteil unserer geplanten Kaukasusreise gewesen und darauf hatten wir uns auch eingestellt. Doch Asmir hatte uns im Verlauf der Reise immer wieder erzählt, dass der Grenzübergang nach Armenien noch schwieriger sei als das, was wir bisher erlebt hatten. Die Abfertigung sei noch unangenehmer.

Ob wir Armenien selbst genauso erlebt hätten, wissen wir nicht.

Wir waren schliesslich nie dort.

Aber nach unseren Erfahrungen in Georgien und insbesondere an der Grenze von Batumi wirkten seine Schilderungen auf uns alles andere als verlockend.

Irgendwann stellten Rolf und ich uns deshalb ganz nüchtern die Frage:

Was sollen wir dort, wenn es nach diesen Erzählungen noch schwieriger werden soll als das, was wir gerade erlebt haben?

Damit war auch der Übergang nach Armenien für uns keine wirkliche Alternative mehr.

Und so standen wir unten am Abano Pass und merkten plötzlich:

Eigentlich passt keine der angebotenen Varianten mehr zu uns.

Also trafen wir eine Entscheidung.

Wir steigen aus.

Nicht aus einem einzigen Grund und auch nicht wegen eines einzelnen Vorfalls. Es war vielmehr die Summe der vergangenen Tage. Die für uns fehlende Organisation, die Unsicherheit darüber, wie es weitergehen sollte, unsere bisherigen Erfahrungen und schliesslich das Gefühl, dass wir unsere Reise lieber selbst in die Hand nehmen wollten.

Wir verabschiedeten uns von Asmir und der organisierten Tour.

Damit verabschiedeten wir uns gleichzeitig auch von Armenien.

Vielleicht ein anderes Mal.

Und vielleicht dann unter ganz anderen Voraussetzungen und mit unseren eigenen Erfahrungen, statt mit den Erzählungen anderer im Kopf.

Ab diesem Moment änderte sich unsere Reise.

Keine Gruppe mehr.

Keine vorgegebene Route.

Rolf und ich im Ford Ranger.

Thorsten im Toyota Hilux.

Drei Freunde, zwei Fahrzeuge und die Freiheit, morgens noch nicht genau wissen zu müssen, wo wir am Abend schlafen würden.

Und natürlich Jens.

Der hatte am Abano Pass schliesslich bereits eindrucksvoll bewiesen, dass auch ohne Tourleitung jederzeit mit Überraschungen zu rechnen war. 🤣

Ab jetzt bestimmten wir unseren Weg selbst.“

 

 

8. September – Zuhause

Heute Morgen brachte uns Helena zum Flughafen nach Thessaloniki. Mit dem Swiss-Flug LX1853 ging es zurück nach Zürich.

Pünktlich gelandet und wenig später waren wir wieder zu Hause in Bellikon. ❤️

Damit endet unsere Kaukasusreise.

Eine Reise, die ganz anders verlief als ursprünglich geplant und vielleicht gerade deshalb so viele Geschichten hinterlässt.

Wir haben viel gesehen, viel erlebt, manchmal geflucht und sehr viel gelacht. Und wieder einmal festgestellt:

Manchmal ist kein Plan eben der beste Plan.

Und jetzt freue ich mich nur noch auf eines:

Mein eigenes Bett. ❤️